Tenuta San Guido

Loc. Capanne, 27
I-57020 Bolgheri (LI)
Italien


www.sassicaia.com



Man sagt ja oft, dass große Dinge aus Zufall entstehen. Im Falle des grandiosen Erfolgs des Sassicaia Weins aus Bolgheri stimmt das aber nicht wirklich. Richtig ist allerdings, dass Mario Incisa della Rocchetta nie vorhatte, seinen Wein zu einem Aushängeschild des italienischen Weins in der Welt zu machen. Er wollte ihn einfach nur selbst trinken. Die Geschichte des Sassicaia ist so oft erzählt worden, dass hier nur erwähnt sei, dass die ersten Pflanzungen 1948 auf nur 1,5 ha erfolgten - und zwar ganz oben in Bolgheri, an der Stelle, an der die Berge beginnen steil aufzuragen. Das ist übrigens gar nicht weit entfernt von den drei Weinbergsparzellen des viel später entstandenen Masseto, des besten reinsortigen Merlots Italiens, ein Wein des Nachbars Tenuta dell Ornellaia. Der Marchese aber pflanzte mit Cabernet Sauvignon eine französische Rebsorte an. Vor nunmehr über 60 Jahren war das ein Affront gegen alle Traditionen des italienischen Weinbaus. Den Marchese kümmerte dies allerdings wenig, das Land gehörte ihm und er liebte die mächtige Aromatik der großen Bordeauxweine. Zudem war nie daran gedacht, den Wein zu verkaufen. Der Wein war jedenfalls passabel und wurde mit jedem Jahrgang durch das zunehmende Alter der Reben nur noch besser. Zudem blieb der Familie des Marchese nicht verborgen, dass die Qualität des Cabernets mit den Jahren der Lagerungen beträchtlich zunahm.


Marchese Nicolò Incisa della Rocchetta mit seiner Tochter Priscilla Incisa im schlichten Barrique-Keller von San Guido. Im Hintergrund reift der Jahrgang 2012 heran.

Die entscheidende Wende kam 1968, als Sohn Nicolò Incisa della Rocchetta gemeinsam mit seiner Verwandtschaft, den Antinoris, Mario Incisa überzeugte, den Wein zu kommerzialisieren (Menge damals gerade 4000 Flaschen). Spätestens jetzt wurde der Zufall durch geplantes Vorgehen ersetzt. Man holte mit Giacomo Tachis den genialen Önologen von Antinori nach Bolgheri und erweiterte die Rebflächen um die Lagen "Aianuova" und "Sassicaia" ("steiniges Feld") näher an der Ortschaft Bolgheri auf insgesamt rund 54 ha. Die Rebsorten wurden schrittweise ergänzt um Cabernet Franc und Merlot. Zusätzlich kaufte man von den verwandten Nachbarn Trauben zu, z.B. vom Castello di Bolgheri. Erste beachtliche Erfolge stellten sich in den 1970er Jahren ein, das Jahrzehnt des Durchbruchs war jedoch das der 80er Jahre. Der Sassicaia des Jahrgangs 1985 erhielt von Robert Parker als erstem italienischen Wein überhaupt 100 Punkte. Weitere große Jahrgänge konnten gekeltert werden, z.B. 1988 und 1990. Der Erfolg und der Ruhm dieses Weins war derart groß, dass sich die Behörden entschlossen, 1993 für den Sassicaia eine eigene DOC zu schaffen, ein in Italien bis heute einmaliger Vorgang. Damit wurde der Wein faktisch auch legalisiert, da er durch die Verwendung nicht zugelassener Rebsorten immer nur als Tafelwein deklariert werden durfte. Mit der Festschreibung der DOC sind allerdings auch die Anbaugrenzen und einige andere Festlegungen strikt definiert und können nicht mehr so einfach geändert werden. Vorgeschrieben ist z.B. ein Mindestanteil von 80% für den Cabernet Sauvignon. Bis heute enthält der Sassicaia keinen Merlot, sondern nur rund 15% Cabernet Franc. Auch die Anbaufläche kann nicht erweitert werden und so ist die Weinmenge auf etwas mehr als 200.000 Flaschen begrenzt. Genug, sollte man meinen. Nicht genug aber, um die enorme weltweite Nachfrage zu befriedigen.


Viel bescheidener kann man den berühmtesten Wein Italiens nicht präsentieren. Rechts ein Abguss des "Wunderpferds Ribot".

Seit dem Jahrgang 2000 bietet man auf der Tenuta San Guido auch einen weiteren Wein an, den Guidalberto. Dieser Wein nun ist nicht einfach der kleine Bruder des Sassicaia, sondern ein eigenständiger Wein mit 50% Merlot. Es ist ein unkomplizierter, wunderbarer und früh trinkbarer Wein, der ungeheuer viel Trinkfreude bereitet. Der hohe Merlotanteil macht ihn geschmeidig, der Cabernet verleiht ihm die Klasse. Selbstverständlich hat der Guidalberto aber auch die Qualität des Sassicaia noch weiter verbessert, da hier nur noch die perfekten Trauben eingesetzt werden. Flaggschiff und Synonym für die Tenuta San Guido ist aber der Sassicaia, der seit dem Jahrgang 2006 noch einmal in der Qualität zugelegt hat.

Eine Verkostung von Fassproben des Sassicaia gehört zu den Highlights jedes Weinliebhabers.

Was ist nun das Geheimnis des Sassicaia? In vielen Ländern insbesondere außerhalb Italiens wird sein Name mit Respekt, ja Ehrfurcht und dem großen Verlangen nach dem Besitz wenigstens einer Flasche ausgesprochen. Nicolò Incisa della Rocchetta antwortet auf diese Frage ganz einfach: es gibt keines außer dem Terroir. Und das ist vielleicht schon das Geheimnis: die Klasse der Bescheidenheit, die der Marchese und das gesamte Weingut, ja die gesamte Tenuta ausstrahlen. Die Tenuta San Guido ist zunächst einmal ein großer landwirtschaftlicher Betrieb. Und es ist insbesondere ein berühmter Zuchtbetrieb für hochklassige Rennpferde. Aus dem Stall des Marchese entstammt übrigens das wohl berühmteste "Wunderpferd" des letzten Jahrhunderts, Ribot. Dass der Pferderennsport heute durch die vielen Wetten auf Pferde so kommerzialisiert wurde, ja, das ärgert den nur am Sport interessierten Grafen sehr. Weiter oben, entlang der berühmten, 4,6 km langen Cipressa, die ebenfalls zum Besitz gehört, liegen dann ein paar kleinere Weinberge, eben die des Sassicaia.

Unten an der Aurelia, der Küstenstrasse, befindet sich das Wirtschaftsgebäude des Weinguts. Und das ist weder protzig noch wirklich funktionell. Hier gibt keine Weinkellerei, die nach dem Gravitationsprinzip arbeitet, der Fermentationsraum war früher ein Wirtschaftsgebäude, in dem Blumen gezüchtet wurden. Nun quetschen sich die temperaturkontrollierten Edelstahltanks bis unters Dach, was aus Platzmangel zum Umpumpen zwingt. Die Trauben werden nicht vorgekühlt, die Fermentationstemperatur aber bei maximal 30 Grad gehalten. Schon die Frage, ob man die Produktionseinrichtungen ansehen könne, löst Verwunderung aus. Natürlich gerne, aber vorschlagen hätte man das nicht. Warum auch, ist doch unspektakulär? Der Raum für Tanks, Pumpen, Abfüllung usw. ist begrenzt. Dafür spürt man die Konzentration der Mannschaft bei der Arbeit, die Vorbereitungen auf die Ernte laufen auch Hochtouren Ende August.


Die Barriques mit dem berühmten Sassicaia sind einzeln in Metallregale eingesetzt.

Vor dem Wirtschaftsgebäude steht ein lang gestreckter Bau, der einen Teil der Barriques aufnimmt. Eine kleine Halle in der Mitte mit viel Edelstahl und einem schweren Holztisch aus Argentinien für Verkostungen trennt die Lagerhalle in zwei Hälften. In je einer der Hälften wird der letzte und der vorletzte Jahrgang in den Fässern gelagert. Die Lagerräume sind ebenso schlicht wie eindrucksvoll mit den hoch aufgestapelten Fässern. Kein Stararchitekt, keine edlen Baumaterialien, keine Kunstwerke, nur hunderte Fässer mit Sassicaia. Einfach die Klasse der Bescheidenheit. Ein Besuch der Tenuta ist dem Fachpublikum vorbehalten, was angesichts der Touristenströme in dieser Gegend verständlich ist. Bescheiden und unaufgeregt empfängt uns der Marchese mit seiner Tochter Priscilla Incisa, die als Botschafterin der Marke Sassicaia viel im Ausland unterwegs ist. Es ist eine Rolle, die ihr neben anderen Aufgaben und ihrer eigenen Familie offensichtlich viel Spaß macht. Man sei sehr gut positioniert für die Herausforderungen der Zukunft, zeigt man sich zufrieden. Mit dem Verlust der Mitte in fast allen Märkten trennt sich das Luxussegment nach oben hin ab und folgt eigenen Gesetzen. Die Marke Sassicaia ist so stark, dass alle Weine des Hauses stets ausverkauft sind, meist genügt für die Allokation der gesamten Ernte weniger als eine Woche. Von einem solchen Statement können viele Chateaux aus dem Bordelais, auch die berühmteren, meist nur träumen. Immer wieder betont Marchese Nicolò Incisa das Terroir, das eben perfekt sei für Cabernetsorten und auch Merlot. Diese Klasse durch möglichst geringe Eingriffe optimal herauszuarbeiten sei das Ziel auf San Guido.


Entspannt widmet sich der Marchese wieder seinen anderen Geschäften, um den Wein braucht er sich keine Sorgen zu machen.

Draußen vor dem Gebäude weht ein leichter und trockener Wind vom Meer über die Felder bei sonnigen 28 Grad. 14 Tage vor der Weinlese könnte es gar nicht besser sein, die Trauben stehen tagsüber in der Sonne und werden abends durch die Winde gekühlt und getrocknet. In den Fässern reift ein weiterer großer Sassicaia Jahrgang 2013 heran, mit verführerischer Fruchtsüße, Komplexität und einem feinen Duft nach roten und schwarzen Waldfrüchten. Am Gaumen heute schon ein Beispiel für samtige Tannine ohne Ecken und Kanten. Die Eleganz und Leichtigkeit, mit der dieser Wein schon nach einem Jahr auftritt verblüfft. Ein leiser Wein, der doch so viel zu sagen hätte, aber er braucht es nicht. Genauso, wie der Marchese, der gemeinsam mit seinem Vater die italienische Weinwelt revolutioniert und in der Weltspitze etabliert hat - ohne jegliches Getöse.

Große Dinge entwickeln sich nicht aus Zufall heraus.


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teNeues Media, Kempten - Neuauflage Januar 2017 (2001)
ISBN: 383276917X

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