Bordeaux Jahrgang 2018






Der Wetterverlauf in 2018


Das Bild oben bildet exemplarisch die beiden extrem unterschiedlichen Seiten des Wetterverlaufs in 2018 ab. Da sind die durch den Mehltau zerstörten und direkt daneben die noch gesunden, kleinbeerigen Weintrauben.

Der Wetterverlauf hätte sich in 2018 nicht unterschiedlicher entwickeln können. Der Winter war regnerisch, doch die früh einsetzende, ungewöhnliche Wärme führte zu einem um mehrere Wochen vorgezogenen Beginn der Wachstumsphase. Und der Dauerregen hörte einfach nicht mehr auf, wochenlang waren die Blätter nass. Rekordniederschläge und Wärme führten zu einem explosionsartigen Anstieg des Mehltaus, dessen Ausmaß selbst ältere Weinbergsmanager noch nie zuvor gesehen hatten. Alle Produzenten berichteten über einen dramatischen Kampf gegen den Pilzbefall, der nicht nur kleine Beeren hervorbrachte, sondern auch einen massiven Ernteausfall bedeutete. Ein Ertragsrückgang von zwei Dritteln war keine Seltenheit. Ein Produzent in St.-Julien betonte, dass man täglich im Einsatz war, man nicht freitags einfach ins Wochenende gehen konnte. Die Gefahr war akut, dass man am Montag keine Trauben mehr gehabt hätte. Ein anderer meinte, noch vor einigen Jahrzehnten hätte man die Ernte komplett verloren.


Château Lafleur präsentierte einen sehr guten 2018er Jahrgang. Dem eher burgundisch geprägten Stil kam der kraft- und gehaltvolle Jahrgang sehr entgegen.

Irgendwann halfen konventionelle Methoden wie Laubarbeit zur Belüftung nicht mehr weiter. Man sprühte Kupfersulfat, oftmals täglich. Der beständige Regen wusch die hoch wasserlösliche Substanz sofort wieder weg. Viele Produzenten waren vor die Entscheidung gestellt, entweder die Ernte komplett zu verlieren oder die organische Bewirtschaftung vorübergehend aufzugeben. So unterschiedlichen die vielen Entscheidungen im Kampf gegen den Mehltau ausfielen, so unterschiedlich waren die Erträge pro Hektar. Hart getroffen wurden auch die Weingüter, die gerade die Biozertifizierung erhalten hatten und keine Chemie einsetzen konnten. Die intensiven Diskussionen über den Kampf gegen den Mehltau beherrschte die ganze Primeurs-Woche.

Anfang Juli hörte der Regen dann auf und es folgte eine lange Periode von extremer Trockenheit, wie man sie im Bordelais seit Jahrzehnten nicht mehr beobachtet hatte. Gleichzeitig wurde sehr warum und auch sehr sonnig. Die kleinen Beeren, die überlebt hatten, bildeten dicke Schalen aus, um sich zu schützen. Nur die besten Terroirs verfügten über Lehmschichten unter dem Kiesboden, die ausreichend Wasser zurückhielten. Das trockene und sonnige Wetter hielt bis Ende Oktober an und gab den Ernteteams die Möglichkeit, ohne jeglichen Zeitdruck den optimalen Erntezeitpunkt zu bestimmen. Die Qualität der sehr reifen Traubenkerne erinnerte manchen an Haselnüsse.

Ein Problem aber machte die Entscheidung über den Erntezeitpunkt nicht leicht: je länger man die Trauben hängen lies, umso höher wurden auch die natürlichen Zucker und Säurewerte. Da die Tanninwerte Rekordwerte erreichten, musste die vollständige phenolische Reife unbedingt abgewartet werden. Grüne Tannine von diesem Ausmaß hätten den Wein sicher ruiniert. So erntete man vor allem die Cabernets sehr spät bei perfekten Bedingungen. Die vollreifen Trauben zeigten Rekordwerte bei Zucker, Säure und Tanninen. Ein Weingut berichtete von einem Tanninwert, der sogar 25% über dem historisch höchsten Wert lag, eine für Bordeaux neue Dimension. Andere bemerkten, sie hätten noch nie einen so intensiv violett gefärbten Vorlauf gesehen, noch ohne jeden Eingriff. In den Gärtanks lag das Verhältnis von Saft zu Schalen / Kernen bei ca. 50:50, normalerweise macht der Saft mindestens zwei Drittel aus.


Eine der stilvollsten Präsentationen gelang Château Brane-Canentac.

Jetzt mussten die Kellerteams mit größter Vorsicht bei der Extraktion und Fermentation vorgehen, um keine Monsterweine zu erzeugen. Der Erfolg einer schonenden Verarbeitung war für die Weinqualität absolut entscheidend. Einige Weingüter beherrschten diese Technik perfekt, andere weniger. Diejenigen, die es richtig machten produzierten klare, transparente Weine von leuchtend violetter Farbe, die anderen zeigten ein trübes, undurchdringliches Schwarz. Wer zusätzlich auf Sulfitzugaben verzichtete erhielt besonders leuchtende violette Reflexe.

Da die Wetterbedingungen im gesamten Bordelais ähnlich waren, lassen sich grundsätzliche Unterschiede in den Appellationen kaum finden. Auch nicht zwischen dem nördlichen Médoc und dem rechten Ufer mit St. Émilion und Pomerol landeinwärts. Allerdings lagen die Tanninwerte am rechten Ufer und in Pessac nicht ganz so hoch. Dafür machte hier der höhere Merlotanteil Probleme, denn die später reifenden und hitzestabilen Sorten Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc profitierten besonders von dem langen, warmen und trockenen Sommer. Viele Weine aus St. Émilion und Pomerol mit hohem Cabernet Franc Anteil zeigten eine sehr gute Qualität. Es bestätigte sich wieder einmal, dass der Merlot in dem Szenario des Klimawandels ein Verlierer ist und viele Produzenten ersetzen ihn bei Neupflanzungen durch Cabernet Franc.

Der extreme Wetterverlauf hatten noch einen anderen, logischen Nebeneffekt. Er sorgte dafür, dass die Weine vieler niedrig klassifizierter Weingüter und viele Zwei- und Drittweine eine noch nie erreichte Qualität aufweisen. Gerade die Böden, die stets mit mangelnder Reife, Dichte und Fruchtsüße kämpfen, wurden durch die Natur auf ein neues Niveau gehoben. Die großen Terroirs, die fast immer die nötige Reife erzielen, wurden diesmal oft überfordert.

Es ist nicht übertrieben festzustellen, dass der Jahrgang 2018 einen neuen Referenzpunkt für Bordeaux bildet. Anstelle leichter, duftender "Clarets", für die Bordeaux so berühmt ist, erntete man einen mächtigen, hochkonzentrierten Jahrgang, wie man ihn eher aus der "New World" in Übersee kennt. Der Klimawandel fordert Bordeaux zusehends heraus. War der Effekt ab dem Jahr 2000 noch hoch erwünscht, lieferte er doch eine ganze Reihe von "Jahrhundert-Jahrgängen" wie 2000, 2005, 2009, 2010, 2015 und 2016, so markiert 2018 den ersten Jahrgang der eindeutigen Übertreibung, des "zu viel". Ein Teilnehmer fasste diese Charakteristik perfekt zusammen: "boring density" ("langweilige Dichte").


Der neue Verkostungsraum von Château Calon Ségur ist fertiggestellt. Hier steht niemand mehr im kalten Barrique-Keller.

Die Primeurkampagne 2018


Die Primeurs-Woche fand vom 1.-4. April 2019, also zwei Wochen vor Ostern statt. Nicht nur dieser günstige Termin sorgte dafür, dass auch die Besucherzahlen einen neuen Rekord erreichten. Noch nie kamen so viele Menschen in die Verkostungsräume. Praktisch alle Châteaus platzten aus allen Nähten, konnten die Massen kaum bewältigen. Angesichts der guten Qualität kamen viele Besucher aus den USA zurück nach Bordeaux und der enorme Ansturm asiatischer Gäste war nicht zu übersehen. Eine Armada von schwarzen Luxus-Kleinbussen brachte ganze Besuchergruppen von Château zu Château. Sogar das sonst so beschauliche nördliche Médoc wurde von Besuchern und den aufgestockten Mitarbeitern der Châteaus überrannt.

Auch die Château-Besitzer registrierten das in diesem Ausmass neue Phänomen des Primeurs-Tourismus. Während die Primeurs-Besuche grundsätzlich nur auf persönliche Einladung der einzelnen Weingüter möglich sind und dabei strikt auf Nachweise der Weinhändler und Presse geachtet wird, gelang des dennoch einer großen Zahl von Weintouristen die Verkostungen zu besuchen. Die Art der Organisation zeigt, dass man wohl für sehr viel Geld irgendwie doch teilnehmen kann. Wenn Gruppen von 5-15 Besuchern durch Premier Cru Châteaus laufen, mit Smartphones Selfies machen, am besten mit dem Direktor gemeinsam, und nur ganz kurz am Wein nippen - wenn überhaupt - um dann sofort wieder zu verschwinden, dann ist das kein Fachpublikum. Die Châteaus waren hierauf nicht vorbereitet und werden in der Zukunft sicher noch wesentlich strenger selektieren.