Marchesi Antinori

Via Cassia per Siena, 133
50026 Loc. Bargino San Casciano in Val di pesa FI, Italien

Tel. +39 055 2359700

antinori@antinori.it
www.antinori.it



Die historische und aktuelle Bedeutung des Hauses Antinori für den italienischen Wein zu würdigen würde den Rahmen dieser Darstellung weit sprengen. Seit 26 Generationen und über 600 Jahre ist Marchesi Antinori im Weinbau verwurzelt. Kürzen wir also ab und beginnen mit der Übernahme der Verantwortung durch Marchese Piero Antinori im Jahr 1966, die gleichzeitig eine Trendwende für das Haus bedeutete. Piero Antinori hat mit seinem Wirken nicht nur das Haus Antinori, sondern gleich noch den Weinbau in Italien in eine Qualitätsrevolution geführt, die Grundlage des heutigen Erfolgs der Weine in der Welt ist. Doch der Anfang war denkbar schwer, Antinori im Jahr 1966 in der Krise. Im November 1966 trat der Arno Fluß in Florenz über die Ufer und ergoß sich u.a. in den Kellern des Hauses Antinori. Noch schlimmer aber war ein versehentlicher Zusatz einer Chemikalie, die eine nicht unerhebliche Menge Wein vergiftete. Der Image-Schaden dieses Ereignisses war enorm und Niccolò Antinori bat seinen Sohn Piero, die Leitung des Unternehmens zu übernehmen und einen Neuanfang einzuleiten.

Piero Antinori reagierte sofort mit einer konsequenten und rigorosen Qualitätsoffensive in den Kellern und Weinbergen des Hauses. Eine Schlüsselrolle kam dabei einem perfekt gelegenen Weinberg im Herzen des Chianti Classico zu: dem Tignanello in der Nähe von Badia di Passignano. Die Lage ist gut 50 ha groß, nicht viel, aber genug, um den italienischen Weinbau zu transformieren. Die Lage Tignanello ist eine perfekte Lage für Sangiovese und sicher eine der besten Lagen des Chianti. Der kalkhaltige Boden, das warm / kühle Mikroklima und die nach Südwesten geöffnete Kessellage bilden die optimale Voraussetzung für herausragende Weine. Émile Peynaud, der Önologie-Professor aus Bordeaux, wurde hinzu gezogen und empfahl, die Erträge zu reduzieren, keine weißen Trauben mehr im Chianti zu verwenden und die Weine in sauberen, neuen Barriques auszubauen. Piero Antinori aber ging noch einen drastischen Schritt weiter: 1975 fügte er dem "Villa Antinori Tignanello" noch 15% Cabernet Sauvignon und 5% Cabernet Franc hinzu und fiel damit endgültig aus der DOC Klassifikation heraus. Die Idee stammte von der toskanischen Küste in Bolgheri, wo sein Onkel Niccolò Incisa mit gutem Erfolg die ersten Schritte in Richtung der Vermarktung des Sassicaia unternahm. Der Sassicaia war ein reiner Bordeaux Blend und damit ebenfalls nicht klassifizierbar. Durch die Zugabe der französischen Rebsorten, die neben dem Tignanello Weinberg auf einer Solaia genannten Parzelle wuchsen, wurde der Tignanello wesentlich komplexer und besser strukturiert. Damit war der Tignanello ein einfacher Tafelwein und wurde dennoch ein Welterfolg.

Antinori Weingut Die eindrucksvolle Stahltreppe windet sich aus dem Berg nach oben und verbindet alle Etagen des Weinguts.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, "Geschichte". Nach einem Intermezzo, in dem Piero Antinori Anteile an der Firma an den britischen Getränkekonzern Whitbread abgab um seine Geschwister auszubezahlen und diese Anteile später wieder zurückkaufte, entwickelte sich das Haus Marchesi Antinori innerhalb und außerhalb Italiens sehr dynamisch. Alleine in der Toskana besitzt man neun Weingüter, in Italien derzeit 14 und weltweit sind es über 20 Weingüter bzw. Gemeinschaftsprojekte. Und diese Basis wird ständig erweitert. Mit rund 30 Mio. Flaschen jährlich und einer fast unübersehbaren Produktpalette fällt es nicht leicht, den Überblick über alle Antinori Weine zu behalten. Lediglich 15 Etiketten der besten Weine tragen in kleiner Schrift zusätzlich den Namen des Hauses, in aller Regel sind die Weingüter und deren Weinmarken selbständig positioniert. Hinzu kommen die umfangreichen Hotel- und Gastronomieaktivitäten, die ebenfalls international sehr erfolgreich entwickelt werden. Sehr empfehlenswerte Beispiele für Weinfreunde sind der Agritourismo Fonte de Medici direkt gegenüber dem Tignanello-Hang und das Tombolo Talasso Resort an der Küste nahe Bolgheri.

Auf dem Weg zu diesem unglaublichen Erfolg sind zwei Begleiter von Marchese Piero Antinori unbedingt zu nennen: das ist der bis heute sicherlich berühmteste Önologe Italiens, Giacomo Tachis, Ganz in der Tradition von Émile Peynaud betrieb er Weinbau mit wissenschaftlicher Akribie, war der Vater von Sassicaia und Tignanello und hat damit Geschichte geschrieben. Selbst nach seiner Pensionierung 1992 blieb er dem Haus Antinori als Berater verbunden. Tachis starb im Februar 2016. Sein Nachfolger bei Antinori war und ist bis heute Renzo Coterella, der zuvor das Weingutprojekt Castello della Sala geleitet hatte. Gemeinsam mit Piero Antinori entwickelte er das bis heute verfolgte Konzept, ein Portfolio von unabhängigen Weingütern mit Spitzenweinen aufzubauen.

Marchesa Albiera Antinori Marchesa Albiera Antinori führt das Traditionshaus Marchesi Antinori heute in die Zukunft.

Die größte Aufgabe für Piero Antinori aber war die Übertragung der Verantwortung für die weit verzweigten Aktivitäten auf die nächste Generation. Piero Antinori hat zwar drei Kinder, aber ein Sohn ist nicht darunter. Und lange Zeit war fraglich, ob eine seiner Töchter (Albiera, Alessia und Allegra) an einer Mitarbeit im Familienunternehmen interessiert wäre. Inzwischen sind sie alle im Unternehmen engagiert und Vater Piero überträgt in immer stärkerem Maße die Verantwortung vor allem auf Albiera Antinori (* 1966), die heute das Tagesgeschäft führt.

Albiera Antinori, die 26. Generation


Albiera Antinori machte ihre ersten konkreten Erfahrungen mit dem Weinbau nach der Schulzeit in Castello della Sala. Noch als junge Frau begann sie sich um das Weingut Prunotto in Barolo zu kümmern, das nach der Trennung von Whitbread nun zum Antinori Portfolio gehörte. In diese Zeit fällt auch der Erwerb von Parzellen in der berühmten Lage Bussia, zu denen auch Anteile der Parzelle Colonello gehören. Bis heute liegen Albiera Antinori die Aktivitäten im Piemont sehr am Herzen. Deutlich weiter vom Weinbau entfernt liegen ihre Zuständigkeiten im Vertrieb: sie kümmert sich intensiv um die asiatischen Märkte, sie lebte sogar einige Jahre in Hong Kong. Drei bis vier Mal im Jahr reist sie noch in die Region und hält die Verbindung zu den Distributoren. Trotz aller Bemühungen liegt der Verkaufsanteil Asiens nur bei 6%, lediglich 2% werden bislang in China abgesetzt.

In den letzten Jahren aber dominierte ein anderes Projekt ihren Kalender: der Neubau der Zentrale des Hauses mit seinen 130 Angestellten und einer Verarbeitungskapazität von rund 1 Mio. Flaschen in San Casciano Val di Pesa. Das Gebäude, ein Hybrid aus Weingut, Verwaltungsgebäude und Hospitality-Location sprengt in der Branche alle Dimensionen. Albiera Antinori übernahm die Verantwortung für dieses enorme Projekt und schuf mit einem Investitionsaufwand von über 100 Mio. EUR ein architektonisches Meisterwerk, das über Italien hinaus von allem bei Architekten große Aufmerksamkeit auf sich zieht. 45.000 Gäste werden hier jährlich empfangen, viele von ihnen sind Architekturstudenten. Der gewaltige Baukörper mit 300 m Länge, 20 - 30 m Tiefe und insgesamt 4 Stockwerken sind komplett in einen Berg gebaut. Nur ein schmales Fensterband an der Außenseite weist auf das Gebäude hin, der Bergrücken wurde komplett mit Rebstöcken bepflanzt. Ob sie noch einmal ein solches Großprojekt beginnen würde, nach all den Mühen? "Ja, selbstverständlich" ruft sie aus, als ob sie schon wieder Pläne im Sinn hätte.

Antinori Weingut Der Barrique-Keller mit den beiden schwebenden Verkostungsräumen ist einfach nur spektakulär.

Das wirklich einmalige Gebäude zu zeigen bereitet ihr sichtlich Vergnügen, jeden Stein scheint sie einzeln zu kennen. Trotz allem ist die vinologische Funktionalität des Baus für sie entscheidend. Dabei liebt sie nicht nur Rot-, sondern insbesondere auch Weißwein und verrät ihr Faible für Riesling, z.B. aus der Wachau oder auch aus Australien. In der Nähe von Florenz experimentiert Antinori tatsächlich auch mit Riesling - mit schönem Erfolg. Doch trotz aller Innovationsorientierung betont Albiera Antinori ihren Fokus auf die Verschmelzung von Rebsorten und Terroir um authentische Weine zu machen, die höchstem Anspruch genügen. Die elegante Seite des Sangiovese heraus zu arbeiten ist das Ziel von Antinori, die feine Balance von einem wunderbaren Bukett und einem kraftvoll komplexen Geschmack. Dabei müssen die einzelnen Weingüter ihre Eigenständigkeit behalten, die Quereinflüsse durch die Zentrale sind sehr stark limitiert. Nur einmal im Monat treffen sich die Verantwortlichen und tauschen sich aus, um sich dann wieder voll auf das eigene Terroir zu konzentrieren.

Von übertriebenem Technologieeinsatz im Keller hält Albiera Antinori wenig, sie legt Wert auf eine sehr schonende Behandlung der Trauben. Eigentlich könne man im Keller nichts mehr verbessern, eher verschlechtern. Daher kümmert sie sich umso intensiver um die Weinberge. Die ständige Erneuerung der Reben ist eine enorme Herausforderung, vor allem die Integration der Neupflanzungen in die alten Bestandsreben. Nach etwa 15 Jahren finden die neuen Pflanzen ihr Gleichgewicht und können für die großen Weine verwendet werden. Und die letzte Entscheidung über die Blends? Die treffen wir in einem kleinen Team der drei Schwestern mit dem Vater, Marchese Piero Antinori, dem Önologen und natürlich Renzo Coterella. Am Ende aber entscheidet der Vater - noch. Wenn der Blend feststeht, dann kommt es darauf an, ihn konstant in die Flaschen zu bringen, Flaschenvariationen würden sie "verrückt" machen, sagt Albiera Antinori.

Antinori Weine Die Rotwein-Stars des Hauses Antinori: Badia a Passignano, Tignanello, Guado al Tasso und Solaia

Beim Essen präsentiert Albiera Antinori sechs ihrer Spitzenweine, zwei Weißweine und vier Rotweine. Drei der Rotweine sind Bordeauxblends, d.h. sie enthalten wesentliche Anteile an französischen Rebsorten. Dennoch sind alle Weine spezifische Interpretationen des toskanischen Terroirs und tatsächlich in ihrer Charakteristik signifikant unterschiedlich. Albiera Antinori kennt diese Unterschiede der Weine bis ins kleinste Detail, kennt die Wetterverläufe der einzelnen Jahrgänge und sogar die Entwicklung der Weine im Glas. Albiera Antinori ist auf eine spektakuläre Weise unspektakulär, in sich ruhend und strahlt eine enorme Gelassenheit aus. Der Trubel und die Hektik um sie herum machen ihr scheinbar nichts aus. Termindruck wird fast ignoriert. Sie nimmt sich viel Zeit, hat Spaß an der Diskussion über ihre Weine. Man könnte meinen, sie führte ein kleines Familienweingut und nicht ein globales Weinimperium. Alles um sie herum macht einen sehr gut organisierten Eindruck. Sie schenkt den Wein am Tisch selbst aus und probiert auch gerne mit. Sie liebt einfach guten Wein.

Für die nächste Genration ist auch schon gesorgt. Alle drei Schwestern haben je zwei Kinder und die ersten bereiten sich schon auf einen Beruf im Wein- und Gastronomiegeschäft vor. Albiera`s ältester Sohn Vittorio (*1993) arbeitet derzeit bei Mumm im Ausland. Einen Streit um das Erbe hat der Großvater gemeinsam mit seinen Töchtern wirksam verhindert: alle Anteile sind 2012 für 99 Jahre in einem Trust gebündelt worden. Nicht noch einmal soll das Haus durch das Ausbezahlen von Geschwistern geschwächt oder Anteile an Dritte veräußert werden.


Bücher zu diesem Weingut
Ralf Frenzel (Herausgeber)
Marchesi Antinori
Tre Torri Verlag, Wiesbaden - Gebundene Ausgabe, 224 Seiten (2014)
ISBN: 3944628209

Der anstehende Generationswechsel im Hause Antinori von Marchese Piero Antinori auf seine drei Töchter, tatsächlich die 26. Generation im Familienstammbaum, krönt die Lebensleistung von Piero Antinori, der das Haus seit 1996 in die weinbautechnische und wirtschaftliche Moderne führte. Dabei war er nicht Spielball der Entwicklung, sondern zu aller erst auch deren Motor. Das im November 2014 erschienene Buch skizziert sein Lebenswerk und führt durch das Weinimperium der Antinoris. Ein (Bilder)Buch für alle Liebhaber der Antinori-Weine - und das dürften ziemlich viele sein. [mehr lesen...]