Vertikalprobe Tenuta di Biserno 2007 - 2016

30. Mai 2018 English




Tenuta di Biserno


Die Weine von der toskanischen Küste sind mittlerweile so berühmt wie gesucht. Als man feststellen musste, dass das Klima hier für Sangiovese nicht optimal geeignet ist, versuchte man die Kultivierung von Bordeaux-Rebsorten. Und mit Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot und Petit Verdot erzeugte man binnen Kurzem Weltklasse-Weine. Keimzelle der erstaunlichen Entwicklung ist Bolgheri in der Nähe von Castagneto Carducci. Aber auch in den angrenzenden Gebieten wie Suvereto und Bibbona entwickelte sich seit den 1990er Jahren eine sehr dynamische Weinszene.

Lodovico Antinori war schon sehr früh ein Protagonist des Aufschwungs von Bolgheri. Anfang der 1980er Jahre gründete er nach seiner Rückkehr aus den USA die Tenuta dell'Ornellaia, pflanzte Bordelaiser Rebsorten, verwendete modernste Methoden im Weinberg und im Keller und feierte in kürzester Zeit große Erfolge am Weltmarkt. "In Bolgheri einen guten Wein zu machen war nicht schwer", resümiert er. Der Erfolg war durchschlagend, der Ornellaia 1998 wurde vom Wine Spectator zum Wein des Jahres gekürt.

Anfang der 2000er Jahre geriet Ornellaia in den Strudel der wirtschaftlichen Probleme von Robert Mondavi, was schließlich dazu führte, dass Lodovico Antinori Ornellaia komplett verkaufte. Ein schwerer Fehler, wie er heute einräumt.

Biserno Vertikale
Lodovico Antinori präsentiert mit großem Engagement sein neuestes Weinprojekt: die Tenuta di Biserno.

Doch Aufgeben ist die Sache dieses dynamischen Menschen nicht. Schon kurz nach der Veräußerung der ersten Anteile sicherte er sich durch eine sehr lange Pacht zwei landwirtschaftliche Güter ("Biserno" in der Höhenlage und "Campo di Sasso" in der Ebene) in direkter Nachbarschaft zu seinem Ornellaia-Weinberg "Bellaria". Eine Analyse zeigte nämlich, dass der Boden dort ebenfalls hervorragend für die französischen Rebsorten geeignet ist. Einziger Negativpunkt: die Flächen lagen, obwohl direkt angrenzend, außerhalb der Appellation DOC Bolgheri. Bis heute wird eine Aufnahme in die DOC Bolgheri abgelehnt.

Biserno umfasst ca. 45 ha Rebfläche, Campo di Sasso weitere 25 ha. Während Campo di Sasso eher über sandige Böden verfügt, bestockt mit einem hohen Anteil an Syrah, charakterisieren Biserno mineralreiche, schwere und felsige Böden vulkanischen Ursprungs. Dieses Terroir ähnelt dem der besten Böden in Bolgheri sehr stark. Nach sorgfältiger Bodenanalyse wurde hier zwischen 2002 und 2004 Merlot, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und auch Petit Verdot angebaut. Lange wurde auch der Bau eines Weinguts geplant, aber bis heute besteht die Tenuta di Biserno nur aus einem Gästehaus, das allerdings perfekt und auf höchstem Standard renoviert wurde. Die Vinifikation und der Ausbau der Weine erfolgt in einem Zweckbau in der nahen Ortschaft La California. Die Tenuta di Biserno gehört Lodovico übrigens nicht alleine, sein Bruder Piero Antinori ist hier sein Partner.

Biserno Vertikale
Der "Biserno" ist der Flaggschiff-Wein der Tenuta und basiert auf Cabernet Franc.

Konzentrierte sich Lodovico Antinori bei Ornellaia noch auf Cabernet Sauvignon und Merlot (der berühmte Masseto ist ein reinsortiger Merlot), so spielt bei Biserno der Cabernet Franc die Hauptrolle. "Der Cabernet Franc ist die Essenz von Biserno", stellt Lodovico klar. Während Merlot viele auswechselbare Weine hervorbringt, ist der Cabernet Franc unverwechselbar. Er bringt Opulenz und Balance zugleich in den Wein. Durch die stark säuregeprägten Weine in Bolgheri spürt man zudem den hohen Alkoholgehalt nicht. Interessant ist, dass auch andere Produzenten den Merlot-Anteil zurückfahren. Der wohl berühmteste Wein der Region, der Sassicaia, enthielt noch nie Merlot, dafür 85% Cabernet Sauvignon und eben 15% Cabernet Franc.

Der erste Biserno-Jahrgang war der 2006er. "Verblüffend", sagt Lodovico Antinori, "in keiner anderen Weinregion der Welt ist ein Wein von derart jungen Reben so großartig". Und auch gleichzeitig so alterungsfähig. Dieses mangelnde Reifepotenzial wird den Bolgheri-Weinen immer wieder vorgehalten. Mangels Historie konnte man diesem Argument bislang wenig entgegensetzen. Jetzt, wo die ältesten Weine schon über 10, teilweise über 20 Jahre lagern, kann man diesen Punkt leichter überprüfen.

So war es Lodovico Antinori ein Anliegen und auch sichtbares Vergnügen, beginnend mit dem 2. Jahrgang, dem 2007er, bis auf 2008 und 2012, alle bisherigen Weine in einer Vertikalverkostung für uns zu öffnen. Ein sehr seltenes und exklusives Ereignis, das Lodovico Antinori noch nicht oft veranstaltet hat.

Biserno Vertikale
Noch sind die Flaschen des 2015er Biserno nicht etikettiert. Der Wein in der Flasche aber zeigt sich schon in großer Form.

Die Jahrgänge des Biserno


Alle Weine wurden vorab dekantiert und sofort in die Flasche zurückgefüllt. Der Jahrgang 2015 war zwar bereits abgefüllt, aber nicht etikettiert und vermarktet. Den Jahrgang 2016 repräsentiert eine Fassprobe, die dem endgültigen Blend entspricht. Alle Weine wurden vor der Verkostung in die Gläser gefüllt. Die Reihenfolge der Verkostung entspricht der hier aufgeführten Reihenfolge der Weine. Alle Weine wurden später nachverkostet.

Biserno 2007

Nach dem 2006er erst der zweite Jahrgang und damit super spannend nach rund 10 Jahren Flaschenlagerung. Der Wein liegt zunächst verschlossen im Glas. Tiefes, fast undurchdringliches, ganz leicht trübes Violett (etwas Sediment). Sehr feine Aromen von schwarzen Beeren, Pflaumen und Kaffee. Im Mund sehr elegant, trotz 15% Alkohol fast schlank wirkend. In der Mitte fehlt etwas der Druck. Dafür begeistert der Abgang: jetzt kommt die herrliche Fruchtsüße und verführerische Schokolade, die immer intensiver wird. Tolle Länge, dieser Wein hört nicht mehr auf zu betören. Es scheint, der Wein wäre etwas zu früh geweckt worden, hätte noch ein paar Jahre auf der Flasche liegen können. Was für ein Potenzial!

Biserno 2009

2009 war in Bolgheri ein klassisch-heißer Jahrgang. Der Biserno 2009 spiegelt diese Charakteristik ohne Abstriche. Ausladende reife Früchte, Himbeeren, Brombeeren und enorme Dichte. Die konzentrierte Textur des Weins laminiert den Gaumen mit Power und Süße. Keine Schwäche bis in den schönen Abgang. Ein super-hedonistischer Wein, der jetzt auf dem Höhepunkt ist. Nichts für schwache Gemüter. Es wird spannend sein zu sehen, ob er über die Jahre noch Fett ablegt. Könnte dann Potenzial nach oben haben.

Biserno 2010

Genau des Gegenteil zum 2009er ist der Folgejahrgang. In weiten Teilen Italiens ein Jahrhundertjahrgang, insbesondere im Piemont und im Zentrum der Toskana mit Chianti, Brunello und Co. An der Küste war 2010 auch sehr gut, aber nicht auf diesem überragenden Niveau. Der Jahrgang verlief eher kühl, aber trotzdem mit viel Sonne und sehr guten Reifebedingungen. Der Biserno 2010 liegt fast scheu im Glas, wirkt verschlossen und wenig ausdrucksstark. Man merkt deutlich, dass er im Moment nur sehr wenig zu zeigen bereit ist. Die Tannine sind sehr schön eingebunden, ein Hinweis auf seine große Eleganz und Harmonie. Nach 2h im Glas dann erste, vielversprechende Lebenszeichen. Die Jahrgangs-Charakteristik kommt den eher mächtigen Biserno-Weinen sehr entgegen, das wird einmal ein großer Wein!

Biserno 2011

Ein wunderbarer Jahrgang an der Küste der Maremma war 2011. Die Nase dieses Biserno-Jahrgangs ist völlig irre mit purer Schokolade und reifen Amarena-Kirschen. Ein sehr runder, weicher und dichter Wein mit enormer Kraft und einer sehr feinen Säure. Allein der Abgang kann nicht ganz überzeugen, lässt Länge und Vielschichtigkeit vermissen. Der 2011er ist im Moment nicht so richtig zu beurteilen, da ist in der Zukunft Potenzial nach oben und unten.

Biserno 2013

DER Jahrgang in Italien, dessen Weine so ungemein dicht und herrlich aromatisch sind. Fast in allen Weinregionen Italiens kann man 2013 blind kaufen, auch in Bolgheri / Bibbona. Mittlerweile sind auch bei Biserno die Weinberge 10 Jahre alt und zeigen ihr ganzes Potenzial. Der Biserno 2013 zeigt ein tiefes Rot mit violetten Reflexen. Der Cabernet Franc übernimmt in diesem Wein klar die Führung mit großer Opulenz und gleichzeitig verblüffender Balance. Die leichte Würze spielt perfekt mit der vollreifen Frucht und lässt den hohen Alkohollevel nicht spüren. Ein großer Biserno mit Kraft, Frucht und wieder dieser unwiderstehlichen Schokolade, wie Kakaopulver, das über den Wein gestreut wurde. Spektakuläres Finish mit großartiger Länge und immer wiederkehrenden Frucht- und Schokoladenaromen. Ein ganz toller Wein mit weiter großem Potenzial.

Biserno 2014

Eingebettet zwischen zwei ganz große Jahrgänge, findet der 2014er in Italien seinen Platz als ausgesprochen schwacher Jahrgang. Zu nass und einfach zu wenig Sonne, ja auch das gibt es in Italien und sogar in der Toskana. In Bolgheri gibt es Weingüter, die 2014 nicht als Superiore abgefüllt haben. Andere, die es taten, waren nicht gut damit beraten. Biserno hat mit ca. 6.000 Flaschen eine kleine Menge abgefüllt. Und so schlecht ist das Ergebnis gar nicht. In der Nase überwiegt die Würze, was einen leicht scharfen Eindruck hinterlässt. Am Gaumen aber ein runder, weicher Wein mit guter Konsistenz und einer erstaunlich delikaten Frucht. Es fehlt die Persistenz und auch der Abgang fällt eher eindimensional und kurz aus. Muss man nicht unbedingt im Keller haben.

Biserno 2015

Der Jahrgang 2015 ist wohl bislang einer der besten, nicht nur in der Maremma. Die Wortschöpfung "Welt-Wein-Jahrgang" macht die Runde und trifft die Sache ziemlich genau. Kaum eine wichtige Weinregion der Welt, in der 2015 nicht ein Jahrhundertjahrgang war. In der Region um Bolgheri gehört 2015 sicher zu den allerbesten in der jungen Geschichte des Qualitätsweinbaus. Der Biserno 2015 ist einfach hinreißend. Rote und schwarze Beeren, mächtige, dunkle Schokolade. Im Stil leichter und schlanker als 2013, dafür mit großartiger Eleganz, Finesse und Harmonie. Alles ist perfekt verwoben zu einem unglaublich delikaten Gesamtkunstwerk. Keine Frage, ein großer Wein von der Nase bis zum herrlichen Abgang. Durch den hohen Anteil an Cabernet Franc wird die überwältigende Frucht auf ein gutes Mass reduziert. Große Zukunft!

Biserno 2016

Und nach dem 2015er kommt noch der Jahrgang 2016, der die Analogie zu 2009/2010 praktisch perfekt macht. Ein kühler Jahrgang mit extrem langer Vegetationsphase bei herrlichem Wetter. Super reife Früchte und Weine mit größter Transparenz sind das verblüffende Ergebnis. Verkostet wurde eine Fassprobe dieses noch sehr jungen Weins, der bereits eine funkelnde, leicht violette Farbe zeigt. Die Frucht ist ultrafein und präzise. Der Wein wirkt schlank, ist aber perfekt gereift. Tannine und Säure auf hohem Level werden ihm ein fast ewiges Leben schenken. Für Liebhaber von Finesseweinen absolut herausragend. Wieder zeigt sich, dass es die kühlen Jahrgänge sind, in denen Biserno sein volles Potenzial ausschöpfen kann. Das wird der nächste ganz große Biserno.

Biserno Vertikale
Acht von bislang 10 Jahrgängen des Biserno. Und alle sind außergewöhnliche Weine.

Eine außergewöhnliche Verkostung mit großartigen Weinen, die relativ präzise die Jahrgangscharakteristik ausdrücken. Der Beweis, dass sich dieses Terroir perfekt für Cabernet Franc eignet ist ebenso eindrucksvoll erbracht wie der Beleg für das enorme Reife- und Lagerpotenzial des Biserno. Kein Wein ist überextrahiert und zeigt Tendenzen zu zerfallen. Im Gegenteil, hier wird gerade wegen der Opulenz von Trauben und Terroir eher schonend vinifiziert. Verblüffend ist die Kombination von Dichte und Kraft bei gleichzeitiger Balance und Eleganz. Eine perfekt eingesetzte Würze gibt den Weinen Zug und eine delikate Note, die die Schwere vergessen lässt.

Charakteristisch bei allen Weinen ist die schwarzbeerige Frucht, ergänzt um Aromen von Pflaumen, Kirschen und immer wieder feinster Schokolade. Von Biserno wird man in den kommenden Jahren sicher noch sehr viel Gutes hören.

Verkostet im May 2018