Im Gespräch mit Angelo Gaja (Barbaresco)

03. November 2013





Angelo Gaja hat mit 73 alles erreicht, als Weinproduzent und als Unternehmer. Nun gilt seine Aufmerksamkeit dem Bewahren des Erreichten - in einem sozial, wirtschaftlich und ökologisch turbulenten Umfeld noch einmal eine große Herausforderung.

Etwas angespannt warten wir auf Angelo Gaja. An Portraits, Erfahrungsberichten mit Interviews und Reportagen über so gut wie alle Aspekte seines Lebens und Schaffens mangelt es ja nun wirklich nicht. So ist das mit Informationen: zu viele sind eben genauso gut wie gar keine. Also warten und überraschen lassen. Dann nähert sich über eine Treppe schnellen Schrittes eine Person dem kleinen Raum in dem Palazzo direkt gegenüber seinem Weingut in Barbaresco. Den Raum ziert eine wunderbare historische Holzdecke, ist mit modernster Technik ausgestattet und darüberhinaus modern reduziert gestaltet. Tatsächlich, es ist Angelo Gaja, der mit dem Tempo eines 25-jährigen die Treppe hinauf gestürmt ist. Eine kurze, freundliche Begrüßung, kein Small Talk, nach 30 Sekunden sitzen wir am Tisch es kann losgehen: "Was kann ich für Sie tun?" fragt Angelo Gaja. Wir staunen nicht schlecht, wie ausgeruht und aufgeräumt Angelo Gaja vor uns sitzt, schließlich war er noch vor zwei Tagen in New York auf dem Grand Tasting des Wine Spectators. Hier wurde er von 4.000 Menschen gefeiert - er ist ein Star, nicht nur in der Wein-Branche. Und dann war er nach seiner Rückkehr am Vortag noch mal eben in der Toskana auf seinem Weingut in Bolgheri. Gaja ist begeistert über die vielen jungen Menschen auf dem Tasting, die immerhin 400 $ dafür bezahlt haben, vier seiner Weinikonen verkosten zu dürfen. Wir haben es besser: fast die gleichen Weine stehen vor uns - ohne Bezahlung.

Oh, aus Deutschland kommen Sie? Ja, die deutschen Rieslinge, ganz phantastische Weine sind das. Die verdienen wirklich mehr Anerkennung und vor allem höhere Preise! Der trocken ausgebaute Riesling ist die Zukunft, aber mehr Promotion müssten die deutschen Produzenten machen. Promotion sei der Schlüssel, gute Qualität alleine genüge nicht. Als Beispiel für gutes Marketing führt er die Arbeit Wilhelm Klingers für die Österreichischen Weine auf. Klinger berät auch Angelo Gaja bei seinen Marketingaktionen für seine toskanischen Weingüter. Seine Verbundenheit zum Riesling drückt sich auch darin aus, dass er der Importeuer in Italien für die Weine des Gutes Geheimrat J. Wegeler ist.

Seine eigenen Weingüter betrachtet er als sehr gut aufgestellt. Nun gelte es, das Erreichte an die nächste Generation zu übertragen. Alle seine drei Kinder seien sehr an der Übernahme der Verantwortung für die Gaja-Unternehmen interessiert auch sein jüngster, der erst 20-jährige Giovanni. Seine beiden Töchter Gaia und Rosanna arbeiten ja bereits im Unternehmen. Die Älteste, Gaia (34), repräsentiert das Unternehmen auch mehr und mehr in der Öffentlichkeit und hatte Angelo auch in New York begleitet. Am Wichtigsten ist Angelo Gaja, dass sie die gleiche Leidenschaft für diese Arbeit entwickeln wie er und das ginge eben nicht mit Zwang, sondern nur durch sein Vorbild. Leidenschaft sei der Schlüssel für den Erfolg, denn nur sie helfe, auch Krisen zu meistern. So wie ein Scheibenwischer zwar nicht den Regen verhindern, aber dennoch für einen klaren Blick sorgen könne, so helfe die Leidenschaft, auch in der Krise den Blick für die Zukunft klar vor Augen zu halten. Allerdings konstatiert auch er, der gerne alles im Griff hat, dass zum Erfolg neben dem eigenen Bemühen auch eine gehörige Portion Glück gehört. Das Glück des Tüchtigen eben! Das Erreichte in wirtschaftlich und sozial sehr dynamischen Zeiten zu erhalten und auf die nächste, die 5. Gaja-Generation zu übertragen ist aber nur ein Teil der Herausforderungen, denen sich Angelo Gaja heute ausgesetzt sieht.


Die ganze Bandbreite der Gaja-Weine: Bolgheri, Brunello, Barbaresco und Barolo.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt sind die großen Klimabewegungen, die sich seit den 1990er Jahren verschärft haben. Der Jahrgang 1997 war der erste Jahrgang in Italien, der klar vom Klimawandel hin zu heißem und trockenem Wetter geprägt war. Für die spät ausreifende Nebbiolo-Traube ist diese Entwicklung natürlich zuerst einmal sehr vorteilhaft. Angelo Gaja zeigt eine Grafik, die die starken Qualitätsschwankungen in der 80er Jahren und die konstant hohe Qualität ab 1997 zeigt (mit Ausnahme von 2002). Für die Weinberge aber bedeutet dieser Wandel schlicht eine revolutionäre Entwicklung, da sich auch die Lebensphasen der natürlichen Feinde der Reben verlängert haben. Zudem muss der Boden vor der Hitze und Ausdunstung geschützt werden.

Bei Gaja reagiert man mit diversen Maßnahmen, versucht die Böden zu beleben und die Biodiversität wieder zu intensivieren. Er verweist auf die Landschaft der Langhe, die von einem geschlossenen Teppich von Weinreben überzogen ist. Das sehe zwar wunderbar aus, bedeute aber eine gefährliche Monokultur. Angelo Gaja lässt hunderte Zypressen pflanzen, damit sich wieder kleinere Vögel einnisten können und stellt selbst große Mengen an Humus her. Den Mist von mit Penicillin behandelten Kühen möchte er nicht mehr verwenden. Zwischen den Rebzeilen lässt er Getreide wachsen, um dieses dann umzuknicken und den Boden abzudecken. So entsteht ein natürlicher Schutz gegen die Verdunstung des Wassers und die Reben überstehen die Trockenphasen leichter. Trotzdem betont er, dass er für die Biodynamik zwar Respekt zeige, ihm das Risiko aber zu groß sei. Immerhin könne es doch einmal sein, dass er mit Chemie Schlimmeres verhindern müsse und diese Freiheit möchte er sich bewahren.

Mit großem Engagement unterstützt er die Bewerbung der Langhe-Region zur Aufnahme in das Weltkulturerbe der UNESCO. Der Schutz der UNESCO sei unbedingt notwendig um der fortschreitenden Verbauung der Hügellandschaft entgegen zu wirken. Ein Dorn im Auge sind ihm vor allem die überall neu entstehenden Wohnungen und Häuser, die von Urlaubern als Feriendomizil genutzt werden. Die Aufnahme in das Weltkulturerbe ist ein schwieriger Prozess, auch andere Weinregionen bemühen sich derzeit darum. Die Region um St. Émilion hat es allerdings vor einiger Zeit tatsächlich geschafft und Aufgeben ist keine Vorgehensweise eines Angelo Gaja.


Das Buch zum berühmtesten Wein von Angelo Gaja: Sori San Lorenzo.

Man bemerkt deutlich, dass ihm sehr daran liegt, die erfolgreichen Strukturen seines Weingutes und seine Grundlage, die Spitzenlagen im Barbaresco und Barolo für eine gute Zukunft zu bewahren. Wenn man an der Spitze des Erfolges angekommen ist, erweist sich das Halten der Position schon als größte Herausforderung. Seine Weingüter beschäftigen immerhin 76 Mitarbeiter, davon alleine 58 in den Weinbergen. Da Arbeitskräfte in der Region nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind, hat er 14 Häuser für Angestellte errichten lassen, um ihnen auch eine Wohnung anbieten zu können. So etwas kann sich wirklich nur das Haus Gaja erlauben.

Grundlage dieses Erfolgs sind die sehr hohen Preise, die er für die Weine erzielt. Die Lagenbarbaresci mit dem Sori San Lorenzo an der Spitze kosten für Endverbraucher im Releasejahr schon fast 300 €, ältere Jahrgänge steigen schnell im Preis. Dafür reisen er und auch schon seine Töchter permanent um Welt, um in Vorträgen, Verkostungen und Präsentationen die Weine noch bekannter zu machen.

Angelo Gaja ist eine einnehmende, charismatische Persönlichkeit und explodiert förmlich vor Energie und Tatendrang. Mit 73 Lebensjahren legt er immer noch ein Tempo vor, mit dem 50 Jahre jüngere Menschen kaum mitkommen. Er bewegt sich nicht nur schnell, er redet auch so, egal ob auf Italienisch oder Englisch. Dabei formuliert er gleichzeitig sehr präzise, fast druckreif. Man merkt, dass seine Gedankengänge tausend Mal hinterfragt wurden. Wenn er aber zu einer Überzeugung gekommen ist, dann dürfte es unendlich schwer sein, ihn davon wieder abzubringen.

Noch ein paar Fotos, Angelo Gaja posiert professionell und gerne. Er muss schnell wieder weg, war nur zufällig genau an diesem Nachmittag in Barbaresco. Ein Termin mit ihm ist ein Erlebnis und eine Lektion gegen den Müßiggang, aber kein Grund, angespannt zu sein. Wieder alleine im Raum können wir uns nun den Weinen widmen, die vor uns aufgebaut und nun optimal belüftet sind...

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Der Einzellagen Champagner "Grande Sendrée" ist das Flaggschiff des Hauses Drappier, das mit dem Super-Jahrgang 2008 einen wahrhaft großen Champagner präsentiert. Degorgiert in 2016 ist die Grande Sendrée die Quintessenz des Stils des Hauses mit seinen Pinot Noir betonten Champagnern. Feinste Perlage, goldgelbe Farbe und eine Explosion von floralen und fruchtbetonten Aromen charakterisieren diesen kompletten und kraftvollen Champagner. Ein Champagner, der sich auch in der Sterne-Gastronomie sichtlich wohl fühlt.

59,50 €

0,750 l (79,33 €/l)

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Der Hype um diesen Jahrgang war so groß, dass niemand gefragt hat, wie diese Prestige-Cuvée aus dem Hause Pol Roger gelungen sei, man wollte nur wissen, wann man die Flaschen endlich kaufen kann: seit Juli 2014 ist es soweit! Das sich in britischem Understatement übende Champagnerhaus konstatiert lediglich, dass es sich um einen großen Jahrgang handelt. Und das ist wirklich eine glatte Untertreibung, denn schlicht perfekte, warme Wetterbedingungen wie in 2002 ohne Extreme sieht man in der Champagne sehr selten. Wer diesen Champagner verpasst, muss zumindest noch sechs Jahre auf den 2008er warten, um eine ähnliche Qualität zu bekommen.

299,00 €

0,750 l (398,67 €/l)

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Pontet-Canet ist kein Geheimtipp mehr: mit 95+ Punkten ist dieser massive, konzentrierte Wein ein großer Erfolg in einem mittelmäßigen Jahr. Pontet-Canet fordert mit diesem Jahrgang erstmals den Nachbar Mouton Rothschild heraus. Einer der Weine des Jahrgangs 2006 mit langem Leben.

139,00 €

0,750 l (185,33 €/l)