Château Pichon - Longueville Comtesse de Lalande

A Passion for Wine



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David Haziot (Autor), Anne Garde (Fotograf)
Englische und gebundene Ausgabe, 208 Seiten (2008)
Verlag Abrams Books, ISBN: 158479724X

Covertext:
From its beginnings in the 17th century, when it was nothing but a desolate strech of land, to its renown as one of the planet´s most magnificent terroirs, its story is told through the lives of the men and women who created "Pichon Comtesse", all of whom shared a passion for the wine, its taste, its mystery. [...] With graceful authorship, photography, drwings, and tasting notes, this lavishly illustrated account tells the history of a unique cru, one that was created, and often directed, by women.
Unser Eindruck:
Die vorliegende Biografie dieses berühmten 2ème Cru aus Pauillac, direkter Nachbar von Château Latour, ist ohne Zweifel von der charismatischen Besitzerin, May-Eliane de Lencquesaing in Auftrag gegeben worden, vielleicht auch im Zusammenhang mit dem kürzlichen Verkauf von Lalande an das Haus Roederer. Aber das wertet diese sehr ausführliche Darstellung von "Pichon Lalande" keineswegs ab.

Auf den über 200 Seiten dieses komplett in Englisch verfassten Buches erfährt man viele interessante Details der Geschichte von Pichon Lalande seit Ende des 17. Jahrhunderts, als Pierre Rauzan die gepachteten Flächen um Château Latour herum durch Zukäufe (Ende der 1680er Jahre) ergänzte. Diese Zukaufsflächen sollten den Kern von Pichon Lalande darstellen. Pichon Lalande blieb bis 1925 in der erweiterten Familie (durch direkte Vererbung oder Heirat) und sollte seinen endgültigen Namen durch Heirat von Thérèse de Rauzan mit Jaques-Francois de Pichon-Longueville in 1694 sowie 1818 Virginie de Pichon-Longueville mit Henri de Lalande erhalten.

Ein neues Kapitel in der Geschichte dieses hoch geachteten Weinguts war der Erwerb des Château 1925 durch die Brüder Louis und Edouard Miailhes, die als Händler in Bordeaux bereits über wichtige Beteiligungen an diversen Châteaus verfügten (u.a. Château Palmer). Die Tochter von Edouard, May-Eliane, sollte später die Leitung des Château übernehmen und es zur heutigen Größe und Bedeutung führen. Zunächst aber waren die Zeiten hart, schlechte Qualitäten, niedrige Ernten und dann die Kriegsjahre hinterließen tiefe Spuren auf Château Pichon Lalande. Während des 2. Weltkriegs war das Château von den Deutschen besetzt und anschließend in schlechtem Zustand hinterlassen worden.

May-Eliane, auf Château Plamer aufgewachsen, heiratete 1948 General Hervé de Lencquesaing und verließ mit ihm für 30 Jahre das Bordelais. 1978, Hervé war bereits pensioniert, ergab sich in der Restrukturierung der Besitztümer der Miailhes, dass May-Eliane der Besitz an Pichon-Lalande zufiel (zunächst nur Teile, später konnten alle Anteile zurück erworben werden). Aus dem Buch, das für die Zeit seit der Kindheit von May-Eliane de Lencquesaing weitgehend von ihr selbst verfasst wurde, geht hervor, dass May-Eliane die Leitung von Pichon-Lalande gar nicht gerne übernommen hat. Größere Begeisterung zeigt ihr Mann Hervé. Dennoch, getragen von einer ganzen Serie von hervorragenden Jahrgängen zu Beginn der 1980er Jahre, konnte das Paar das Château in kurzer Zeit zu bislang unerreichtem Ruhm aufblühen lassen. Wesentliche Investitionen wurden so schnell wie möglich realisiert (Edelstahltanks, Logistikflächen und auch die Renovierung des Château selbst). Glanzpunkt der Ausbauten ist jedoch der einmalige Chais (Fasslager), der halb in den Boden gebaut ist. Über dem Chais entstand dabei eine 100 m lange Terrasse, auch heute noch einer der schönsten Orte im Médoc. Von hier genießt man einen einmaligen Blick über Château Latour bis auf die Gironde hinab und kann über die Rebflächen von Léoville Las Cases bis nach Saint-Julien schauen.

Ausführlich berichtet May-Eliane de Lencquesaing über das Wein-Business im Bordelais und die internationalen Verflechtungen und Kontakte. Die Bedeutung der Weinsammler, insbesondere in den USA, wird deutlich herausgearbeitet. So erschließen sich die Bedeutung der Globalisierung und des weltweiten Aufschwungs nach der Rezession der 1970er Jahre gemeinsam mit der dramatisch steigenden Weinqualität als Schlüsselelemente des erneuten Aufstiegs der Top-Châteaus des Médoc. Und Madame de Lencquesaing ist einer der Protagonistinnen dieser Entwicklung.

Am Ende des Buches wird zwar der Verkauf von Pichon-Lalande an das Haus Roederer erwähnt, die Gründe hierfür bleiben jedoch im Dunkeln. An Erben hat es jedenfalls nicht gemangelt. Und so bleibt das Buch auch eine Biographie der Familie Miailhe, da es mit dem Verkauf dieses herrlichen und wertvollen Besitzes endet. Der Leser spürt an allen Stellen des Berichts von Madame de Lencquesaing, dass Sie nie eine Winzerin geworden ist (trotz intensiver Bemühungen, sich einzuarbeiten) und dem Wein-Business eher fasziniert zusah als es zu gestalten. Ihr Verdienst war es, wieder auf das Château gezogen zu sein und mit diesem Bekenntnis zur Bedeutung von Pichon-Lalande auch für die notwendigen Investitionen gesorgt zu haben. Erst dieser Aufwand erlaubte, das Potential des Terriors zu einigermaßen zu heben. Der 1975 als technischer Direktor eingestellte Michel Delon zeigt heute auf dem Nachbargut, was man als leidenschaftlicher Winzer alles erreichen kann. Auf Lalande schaffte er mit seinem ersten Jahrgang 1975 bereits mehr als eindrucksvoll die Wende.

Für Pichon-Lalande Sammler und Liebhaber ist dieses Buch unentbehrlich, für Bordeaux-Enthusiasten auch. Ausstattung und Umfang, die Bilder und das verwendete Material sind extrem hochwertig. Dennoch, am Ende befriedigt das Buch eher Weinhistoriker als die an den Weinen selbst interessierten Liebhaber. Darüber können auch die Verkostungsnotizen von Serena Sutcliffe am Ende des Buches nicht hinwegtäuschen, die mit dem Jahrgang 1916 beginnen. Warum Pichon-Lalande gerade in den ganz großen Jahren immer wieder einbricht (z.B. 1990, 2005), dafür in schwachen Jahren oft die besten Weine des Médoc abliefert bleibt wohl das Geheimnis dieses Château.

Unsere Bewertung: