Zur Foto-Galerie mit 20 Bildern zu diesem Beitrag


Die fünf Weinkeller des Palais Coburg, Wien


Die Verleihung des Titels "World's Best Wine List 2014" durch das finnische FINE WINE Magazin ist nur einer der Höhepunkte der Anerkennung für einen der besten und umfangreichsten Weinkeller in der Welt: dem Wiener Palais Coburg. Er gehört zu den Weinkellern, die auch eine weite Reise rechtfertigen, denn er ist zugänglich und kann mit Voranmeldung besichtigt werden. Dabei ist er eigentlich nur eine Ergänzung des gesamten "Coburg-Konzepts", das wirklich einzigartig ist: ein Hotel mit nur 33 Suiten auf gehobenem 5-Sterne Niveau, verschiedene Restaurants, davon eines mit zwei Michelin-Sternen, eine faszinierende Architektur, die zwischen der klassischen Moderne und einer Jahrhunderte alten Bausubstanz vermittelt und eben einer der spektakulärsten Weinsammlungen der Welt. Dabei wurde das "Coburg" erst 2003 eröffnet, nachdem es mit sehr großem Aufwand komplett renoviert wurde. Treiber und Besitzer ist der österreichische Unternehmer Peter Pühringer, der aus der Finanzbranche stammt. Er war es auch, der die Sammlung von heute rund 60.000 Flaschen initiiert hatte.


Ein weißes Schloss, die historische Stadtmauer von Wien und ganz viel Glas, das sind die Stilelemente eines der großartigsten Gebäude-Ensembles in Wien. In den Kasematten befindet sich der berühmte Weinkeller.

Die insgesamt sechs Weinkeller des Palais Coburg sind in den weitläufigen unterirdischen Kasematten entlang der historischen Stadtmauer untergebracht. Zugänglich ist die Welt der ungewöhnlich hohen Gewölbekeller über einen durch das Mauerwerk geschnittenen Bogen. Die Kasematten bieten zudem einen stimmungsvollen und sehr großzügigen Eventbereich mit modernster Medientechnik. Die Weinwelt erschließt sich allerdings nur demjenigen, der über eine spezielle Sensorkarte verfügt, denn alle Kellerräume sind perfekt durch elektronische Zugangskontrollen gesichert. Leistungsstarke Klimaanlagen sorgen deutlich hörbar für optimale Lagerbedingungen.

Die beiden kleinsten Keller sind der Champagnerkeller am tiefsten Punkt des Coburg im ehemaligen Eiskeller und der Yquem-Keller, der nur 9 qm groß ist, dafür aber eine seit 1983 komplette Sammlung aller Jahrgänge und sogar eine 15 Liter Flasche enthält. Das von hinten beleuchtete Display der Flaschen ist durch eine UV-absorbierende Glasplatte ausgestattet. Viel stimmungsvoller wirkt der Champagnerkeller, der zu Beginn auch einmal als Raritätenkeller genutzt wurde. Auch er ist nicht sehr groß und liegt nur wenige Meter über dem Grundwasserspiegel, was dazu führt, dass immer wieder Wasser abgepumpt werden muss, um die wertvollen Flaschen zu schützen. Bei etwa 9°C lagern hier große Champagner mit beachtlicher Jahrgangstiefe. So z.B. die Prestigecuvées von Krug, Salon, Pol Roger, Roederer, Egly-Ouriet, Selosse, Dom Pérignon und einigen anderen Spitzenproduzenten. Besondere Schätze sind die 36 Flaschen Krug 1985 und eine 6 Liter Flasche Roederer Cristal 1990. Gut vertreten ist auch der heute schon legendäre Jahrgang 2002. Auch von Krug Clos du Mesnil gibt es verschiedene Jahrgänge, der berühmte 79er ist auch dabei. Man spürt die Begeisterung des Coburg-Teams für große Champagner, die auch viele der Gäste teilen. Natürlich gilt auch für diese Flaschen: verkauft werden die Flaschen nur geöffnet, um einen Weiterverkauf zu unterbinden.


Der Champagner-Keller mit einer Auswahl der größten Champagner der Welt: Krug, Salon, Winston Churchill, Dom Pérignon, Cristal, Belle Époque und vielen anderen.

Im Gang vor den darüber gelegenen Weinkellern befindet sich eine meterhohe Glasvitrine mit 50 12er OHK von Mouton Rothschild 1982, die Herr Pühringer zugunsten einer Universitätsstiftung in einem einzigen Auktions-Lot ersteigert hat. Diese 600 Flaschen dürften die größte Ansammlung dieses legendären 100 Punkte Weins auf der Welt sein. Durch den Lichteinfall sind die Holzkisten allerdings schon sehr deutlich ergraut, die Flaschen innen aber durch die verschlossenen Kisten geschützt. Direkt über dem Champagnerkeller gibt es einen kleinen Verkostungsraum, durch eine Glasscheibe in dem Brunnen kann man auf die Champagner in dem Keller darunter sehen. Der Verkostungsraum dient regelmäßig Verkostungsveranstaltungen im kleinen Rahmen, bei denen oft auch Winzer anwesend sind.

Über den Verkostungsraum gelang man in den Übersee-Keller, vielleicht der schönste aller Weinkeller hier. Hier lagern die großen Weine der neuen Welt, also aus Regionen, aus denen der Wein per Schiff nach Europa gelangt. Entsprechend bilden die Regalseiten des Kellers aus schwerer Eiche einen Schiffsbauch ab (siehe Profilbild oben). Sehr stark vertreten ist Kalifornien, Highlights sind eine Sammlung von Screaming Eagle Kisten sowie eine Sammlung von Sine Que Non Weinen des österreichischen Winzers Krankl aus Kalifornien. Auf der gegenüber liegenden Seite finden sich viele spanische Preziosen wie Pingus oder Vega Sicilia. Ein ausgeklügeltes System verzeichnet die einzelnen Lagerorte (Regale) der Weine, sodass die Sommeliers schnell und einfach auf die Weine zugreifen können, wenn ein Gast im Restaurant bestellt hat. Überhaupt ist es verblüffend, wie ordentlich und sauber die gesamte Sammlung verstaut ist, jede Flasche kann einzeln getrackt werden und wird auch entsprechend verbucht.


Im Glas-Keller liegt der berühmteste Wein Österreichs: 100 Parker-Punkte für den 1995 Nikolaihof Vinothek Riesling.

Nur eine Türe weiter öffnet sich der "Glas-Keller" oder auch "Alte Welt Keller", ein starker Kontrast durch den sehr hellen Ausbau mit weiß gestrichenem Beton. Bestückt ist der Keller mit schweren Regalen aus Panzerglas, die dennoch filigran wirken angesichts der gewaltigen Last von über 10.000 Flaschen. Hier findet sich eine umfangreiche Sammlung österreichischer, deutscher und italienischer Weine, wobei Italien eher weniger repräsentiert ist. Dafür pflegt man die Tradition großer Rieslinge intensiv und ist zurecht Stolz auf die enorme Jahrgangstiefe großer Gewächse. Darunter befinden sich auch Flaschen des 1995 Nikolaihof Vinothek Riesling, dem ersten Wein Österreichs, der 100 Parker Punkte bekam. Am Kopf des Raumes befindet sich eine praktisch komplette Sammlung von Kracher-Weinen. Star aber ist und bleibt eine Flasche des Apostel-Weins von 1727 aus dem Bremer Ratskeller, wo diese Flasche genau liegt, wird hier nicht verraten.

Bleibt der wichtigste aller Themen-Keller: der "Frankreich Keller" mit über 30.000 Flaschen, bestückt mit den größten Weinen aus dem Burgund, dem Bordelais und der Rhône in allen erdenklichen Flaschenformaten. Es ist schlicht ein in gelblich/rötliches Licht getauchtes Paradies für Weinfreunde und Weinsammler großer Weine. Alle großen Namen sind vertreten mit eindrucksvollen Jahrgangstiefen, auch bei Großflaschen. Wenn man die gewaltige Menge an Spitzenweinen sieht wird klar, warum der Wert des Kellers auf etwa 20 Mio. Euro geschätzt wird. Alleine die Romanée-Conti Sammlung mit vielen Großformaten ist ein Vermögen wert. Vorsichtig schiebt man sich durch die schmalen Gänge aus Sorge, man würde an eine der Großflaschen stoßen. Wenn sie herunterfiele wäre ein unwiederbringliches Vermögen vernichtet.


Der Frankreich Keller ist ein klassischer Gewölbekeller, bestückt mit grandiosen Weinen aus dem Burgund und dem Bordelais. Hier fehlt kein großer Name und kein großer Jahrgang.

Chef der 750 qm Weinkeller und etwa 50.000 bis 60.000 Flaschen ist der Dipl.-Sommelier und Weinakademiker Wolfgang Kneidinger, der diese Position seit 2012 inne hat. Er und sein Team sind bemüht, die Sammlung in etwa in dieser Größenordnung zu halten. Das ist garnicht so einfach, da im Coburg jährlich etwa 15.000 Flaschen getrunken und rund 700 Positionen endgültig ausgetrunken werden. Viele spannende, neue Weine kommen hinzu, Jahrgangstiefen müssen fortgeführt werden. Dabei muss Wolfgang Kneidinger nicht nur auf große Namen achten, sondern auch auf den Geschmack der Kunden des Coburg. Wichtig ist auch, die Entwicklung der einzelnen Weine zu beobachten, Weine die sich dem Höhepunkt ihrer Entwicklung nähern rechtzeitig anzubieten und nicht zu warten, bis es zu spät ist. Möglichst jeder angebotene Wein soll für den Gast ja ein großes Erlebnis sein, eines, das in aller Regel der eigene Weinkeller nicht bieten kann. Da ist viel Erfahrung der insgesamt fünf Sommeliers gefragt.

Die persönlichen Steckenpferde von Wolfgang Kneidinger sind neben dem Burgund vor allem Champagner und Rieslinge. Dass ein solcher Keller in Wien einen weiteren Schwerpunkt bei österreichischen Weinen setzt ist für ihn Bedürfnis und Selbstverständlichkeit. Eine für den Gast attraktive Karte mit einem breiten Angebot aber ist oberstes Ziel, schließlich werden im Coburg die Weinflaschen nicht angebetet, sondern einfach mit großem Genuss ausgetrunken. "Den Wein nicht so wichtig nehmen" ist dann auch der passende Schlusssatz des Chef-Sommeliers.

Ach ja, es fehlt ja noch ein Keller, der Raritäten Keller. Der enthält Herrn Pühringers private Sammlung und kann leider nicht besucht werden...


Dipl.-Sommelier und Weinakademiker Wolfgang Kneidinger ist seit 2012 Geschäftsführer des Weinarchivs und immer auf der Suche nach perfekt gelagerten großartigen Weinflaschen mit belegbarer, unzweifelhafter Historie.