Manche Weine sind so selten, dass sie eigentlich nicht existieren


„Der Masseto ist ein sehr seltener Wein, und seine Einzigartigkeit hängt mit dem Boden zusammen, auf dem er wächst. Weinliebhaber heften sich buchstäblich an seine Fersen, nur um den Zuschlag auf einer der weltweiten Weinauktionen zu erhalten“ kommentiert Giovanni Geddes da Filicaja, CEO von Masseto. „Er ist ein Gut, das nach Meinung von Weinexperten und Ökonomen mit den Jahren zu einer italienischen Wertanlage geworden ist, auf die man stolz sein kann, zu einem wahren Luxusobjekt, das geeignet ist, mit der Zeit an Wert zu gewinnen. Bis zu 400 % des ursprünglichen Preises“. So steht es geschrieben in einer Presseinformation des Produzenten. Nach wie vor ist der Masseto, ein reinsortiger Merlot aus Bolgheri, der italienische Wein mit dem höchsten Ausgabepreis. Wie hoch dieser aber ist, fällt nicht ins Gewicht, denn kaufen kann man diesen Wein nicht, auch nicht für viel Geld. 30.000 Flaschen werden jedes Jahr produziert, aber wo gehen diese Flaschen hin? In den Export? Nach Asien, USA? Wie viele Flaschen gehen überhaupt in den Markt?

Dabei steht der Masseto für einen Trend der letzten Jahre, bei dem sich das Spitzensegment des Weinmarktes völlig abgekoppelt hat. "Trophy wines" oder "Luxusweine" führen heute ein Eigenleben, es sind Produkte geworden, die zwar überall gepriesen, aber nirgends zu kaufen sind. Je weniger Flaschen davon produziert werden können, desto besser. Masseto, Monfortino, Pétrus, Romanée-Conti, Sreaming Eagle, Harlan Estate oder Krug Clos du Mesnil sind solche Namen aus verschiedenen Ländern und Regionen. Nur wenige Tausend, maximal aber rund 30.000 Flaschen werden hiervon pro Jahr hergestellt. Und oft entscheiden die Produzenten, ein Jahr wegen mangelnder Qualität nicht abzufüllen. Und dann gibt es noch einige wenige Magnumflaschen, handgezählt! Wie also verteilt man diese wertvollsten Flaschen? Am besten fast gar nicht, man lässt sie im Keller liegen und "reifen", also im Wert steigen.


Eine Holzkiste Pétrus - davon gibt es allenfalls Fotos, kaufen kann man so etwas kaum.

Dieser Trend lässt sich eindrucksvoll bei Château Latour besichtigen: ein riesiges Flaschenlager wurde da kürzlich errichtet, direkt auf dem Gelände des Weinguts. Gleichzeitig hat man das Primeursystem verlassen und verkauft keinen jungen Wein mehr. Der Jahrgang 2012 war der letzte im Markt. In Kalifornien arbeitet man mit Mailinglisten, d.h. interessierte Kunden können sich online registrieren und müssen dann vielleicht Jahrzehnte auf eine kleine Zuteilung warten. Über diese Zuteilung kann der Produzent die Verteilung der Weine sehr fein dosieren. Im Burgund Spitzenweine zu kaufen ist sowieso unmöglich, die Kundenstrukturen der Produzenten sind so alt wie die Mauern um die Weinberge, die Flaschen verschwinden sofort in den tiefen Kellern der glücklichen Händler. Ganz spannend wird es mit Flaschen, von denen es für den deutschen Markt nur einige wenige Kisten gibt. Bei einer Quote von unter 5% bleiben für den deutschen Markt z.B. nur weniger als 300 Flaschen Romanée Conti. Für bestimmte Lagenbaroli mit großem Namen sind es noch weniger.

Manche Weine werden aber - streng limitiert natürlich - sogar noch verkauft. Dann muss der Händler aber Berge anderer, meist schwer verkäuflicher Weine dieses Herstellers abnehmen. "Sie wollen unseren Barolo beziehen? Dann müssen Sie aber x Paletten Barbera und Dolcetto auch abnehmen" lautet die Auskunft. Roberto Voerzio teilt die Mengen der verschiedenen Weine selbst auf die Händler auf, der Händler hat darauf keinen Einfluss. Auch er baut übrigens ein enormes Lagergebäude. Für den Salon-Jahrgang 2002 hat sich der Produzent etwas Besonderes einfallen lassen: Bestellung 1:10 mit Delamotte, streng limitiert natürlich. Kein Wunder, bei 37 Jahrgängen in 100 Jahren, nur wenigen Flaschen und einem der besten Jahrgänge der Geschichte. Wer dann solche Flaschen bekommen hat, wird diese niemals zu einem moderaten Aufschlag weiter verkaufen. Warum auch?

Die besten Weine der Welt waren immer rar und teuer. Verschärft wird dieser Trend durch das Zurückhalten der Produzenten und den zunehmenden Wohlstand der Reichen in der Welt, denen der Preis für ein paar Flaschen Wein relativ egal ist. Die in kleinsten Serien hergestellten Prestigeweine sind daher mehr als wertstabil, anders als die in großen Mengen verfügbaren Bordeauxweine und Champagner, die einem scharfen Preiswettbewerb ausgesetzt sind. Um ihre wenigen Flaschen zumindest im Gespräch zu halten müssen die Produzenten aber Mengen abgeben, was sie vorzugsweise an die Spitzengastronomie auch tun. Wenn ihre Weine auch nicht auf den Weinkarten dieser Sternerestaurants zu finden wären, dann helfen auch die Artikel in den Luxusmagazinen nichts.

Es gibt übrigens noch eine Schattenseite der Nichtverfügbarkeit: Fälschungen! Und die sind nicht so schwierig unterzubringen, es weiß doch sowieso praktisch niemand, wie die echten Weine schmecken.